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Im Herzen Afghanistans ist ein leerer Platz, eine
auffallende Lücke, wo einst die größere der riesigen Buddha Statuen stand. Im
März 2001 feuerten die Taliban tagelang Raketen auf die Statuen ab, dann legten
und detonierten sie Bomben. Die Buddhas stehen schon seit etwa 1500 Jahren in
Bamian. Seidenstraßenhändler und Missionare verschiedener Glaubensrichtungen
kamen und gingen. Gesandte von Imperien passierten – Mongolen, Safawiden,
Mogule, Briten, Sowjets – oft hinterließen sie blutige Fußspuren. Ein Land,
namens Afghanistan nahm Gestalt an. Regierungen entstanden und brachen zusammen
oder wurden gestürzt. Die Statuen überdauerten all dies. Aber die Taliban sahen
die Statuen schlicht als nicht-islamische Götterbilder an, als in Stein
gemeißelte Ketzerei. Sie störte es nicht als brutal angesehen zu werden. Sie
fürchteten keine noch stärkere Isolation. Die Zerstörung der Statuen war ein
frommes Brandzeichen ihres Glaubens, über Geschichte und Kultur hinweg.
Es war zudem eine Machtdemonstration gegenüber den Menschen,
die unter dem starren Blick der Buddhas leben: den Hazaras, Bewohner einer
abgeschiedenen Region in Afghanistans zentralen Hochgebieten, genannt Hazarajat
- ihrer Hochburg, auch wenn nicht bei
jedem nach Wahl. Schätzungsweise bis zu ein Fünftel der Population
Afghanistans, ist aus Hazara zusammengesetzt, die lange Zeit zu Außenseitern
gebrandmarkt gewesen waren. Die allermeisten sind schiitische Muslime in einem
überwältigend sunnitisch-muslimischen Land. Sie sind bekannt für ihren Fleiß,
dennoch üben sie, die am wenigsten gefragten Jobs aus. Ihre asiatischen
Gesichtszüge - schmale Augen, flache Nasen und breite Backen - haben sie in
eine, de facto untere Gesellschaftsklasse isoliert, was ihnen, ihre vermeintliche
Minderwertigkeit so stark vor Augen führt, dass manche sogar glauben sie wären
wirklich minderwertig.
Die damals herrschenden Taliban - meistens
fundamentalistische Sunniten vom Volk der Paschtunen - sahen Hazaras als
Ungläubige, als Tiere und sonstiges an. Sie schauten nicht hin, wie Afghanen
hinschauen sollten und übten ihre Religion nicht so aus, wie es Muslime ausüben
sollten. Ein Taliban, über Afghanistans nicht-paschtunische Völkergruppen
redend, sagt: „Tajiken nach Tajikistan, Uzbeken nach Uzbekistan und Hazaras
nach Goristan,“ zum Friedhof. Und tatsächlich, als die Buddhas zerstört worden
waren, belagerten Taliban-Kämpfer Hazarajat, brennten Dörfer nieder und machten
die Region unbewohnbar. Als der Herbst begann, sorgten sich die Menschen vom
Hazarajat ob sie den Winter überleben würden. Dann kam der 11. September, eine
Tragödie andernorts, welche scheinbar die Rettung für die Hazara brachte.
Sechs Jahre nach dem Fall des Taliban Regimes verbleiben
Narben in den Hochgebieten der Heimat der Hazara, aber es herrscht ein Gefühl
von Potenzial, welches vor einem Jahrzehnt noch undenkbar gewesen wäre.
Heutzutage ist dieses Gebiet eines der sichersten in ganz Afghanistan,
größtenteils frei von den Mohnfeldern, welche in anderen Regionen überwiegen.
Eine neue politische Ordnung herrscht in Kabul, dem Sitz von Präsident Hamid
Karzais Zentralregierung. Hazaras haben nun Zugang zu Universitäten,
Beamtenberufen und anderen Möglichkeiten des Aufstiegs, die ihnen lange
verwehrt geblieben waren. Einer der Vize-Präsidenten des Landes ist Hazara,
einer, der die meisten Wählerstimmen im Parlament erhält, und eine Hazara Frau
ist die erste und einzige Gouverneurin im Land. Der amerikanische
Bestseller-Roman Drachenläufer - welcher auch verfilmt wurde - stellte
einen fiktionalen Hazara Charakter dar und ein echter Hazara gewann die erste
Staffel von Afghan Star, dem afghanischen Pendant zu Deutschland
sucht den Superstar.
Während das Land mühsam versucht sich nach Jahrzehnten
Bürgerkrieg wieder aufzubauen, glauben viele, dass Hazarajat als Vorbild dienen
könne was möglich sei, nicht nur für Hazaras, sondern für alle Afghanen. Aber
dieser Optimismus ist gemäßigt durch frühere Erinnerungen und gegenwärtige
Frustrationen - über zerstörte Straßen, den wiederauflebenden Taliban und
über stärker werdenden Strömungen des
sunnitischem Extremismus.
Ein Projekt wurde nun ins Laufen gebracht bei dem tausende
Steinfragmente gesammelt werden, um die Buddha Statuen zu rekonstruieren. Etwas
ähnliches spielt sich unter den Hazara ab, wenn sie versuchen ihre zerbrochene
Vergangenheit zu reparieren, mit einem beträchtlichen Unterschied: Es gibt
Bilder von den zerstörten Buddhas. Die Hazaras haben keinen derartigen Bauplan,
keine Gefühl dafür, wie eine Zukunft, frei von Verfolgung aussehen sollte.
Musa Shafaq will in jener Zukunft leben. Er ist 28, hat
schulterlanges schwarzes Haar und typische Hazara Gesichtszüge, nicht unähnlich
denen der Buddhas. Er steht am Tor der Kabul University in einem roten
Pullover, schwarzen Jeans und mit einer getönten rezeptpflichtigen Brille. Der
Unterricht ist gerade beendet worden. In zwei Monaten wird er seinen
Hochschulabschluss machen, eine bemerkenswerte Errungenschaft für jeden
Afghanen, der so instabil ist wie das Land in dem er lebt.
Weil er Hazara ist, signalisiert sein Erfolg eine neue Ära.
Shafaqs Chancen stehen gut seinen Abschluss als der Jahrgangsbeste zu machen,
was ihm den Beruf, den er am liebsten ausüben würde, garantieren sollte, eine
Lehramtsstelle an der Kabul University.
„Die Hazaras bringen die enthusiastischste, gebildetste und
zukunftsorientierteste Jugend hervor, welche die Chancen, die sich durch die
neue Situation ergeben nutzen.“ sagt Michael Semple, ein rotbärtiger Ire, der
Stellvertreter des EU-Botschafters für Afghanistan ist. Shafaq half bei der
Gründung des Center of Dialouge, einer Hazara Studentenorganisation mit
150 Mitgliedern. Die Gruppe veröffentlicht ihr eigenes Magazin, veranstaltet
Events um für „Humanismus und Pluralismus“ zu werben und arbeitet mit Menschenrechtsorganisationen
zusammen, um Wahlen zu beaufsichtigen. Semple sieht die Gruppe als Teil eines
aufkommenden,
politischen Bewusstseins innerhalb der Hazara Jugend.
„Wir haben ein Fenster zu Chancen,“ sagt Shafaq, „aber wir
wissen nicht wie lange es offen bleiben wird.“ Dieser Sohn des Hazarajat ist
der sprichwörtliche Bauernbub, der in die große Stadt gekommen und dort
erfolgreich geworden ist. Shafaqs Vater bewirtschaftete einen Bauernhof in
ihrem Dorf, Haft Gody, in Waras, einem Bezirk im Süden von Bamian und führte
ein Restaurant im Bezirkszentrum. Kinder in Waras heiraten traditionell früh,
bleiben in der Nähe des Vaterhauses und kümmern sich um die Kartoffelfelder.
Aber Shafaq wollte etwas mehr. Wenn er seinem Vater gerade nicht aushelfen musste,
las er gefräßig - Romane über Geschichte und Philosophie oder Übersetzungen von
Abraham Lincoln, John Locke und Albert Camus.
Mit der Zeit hörte sich Shafaq Geschichten an, darüber woher
seine Leute stammen, warum sie anders aussehen als Paschtunen und Tajiken. Er
und seine Hazara Mitbrüder sind, wie eine Geschichte besagt, die Nachfahren von
Dschingis Khans mongolischen Soldaten, welche im 13. Jahrhundert in
Zentralasien einmarschiert sind, eine Besatzung gebildet haben und die
Einwohnerschaft eroberten - einen mannigfaltigen Mix aus Menschen, die nicht
selten entlang der Seidenstraße anzutreffen sind. Als die Einheimischen
aufständisch wurden und Dschingis' Sohn töteten, rächte sich der Eroberer,
indem er Bamian dem Erdboden gleichmachte und die meisten seiner Bewohner
auslöschte. Die, die aufgrund von Ehen mit den Mongolen, überlebt hatten,
wurden die Hazaras - eine genetische Vermischung ist aus den vielfältigen Gesichtszügen unter den
Menschen dieser Region heute, ersichtlich.
In jüngster Zeit nahm eine Minderheit von Hazaras die
Verbindung zu Dschingis Khan mit einem Gefühl von Stolz an, aber viel öfter
wird die Außenseiter-Abstammung gegen sie verwendet. Für viele beginnt die
modernere Erzählung in den 1890er Jahren als König Abdur Rahman, ein Paschtune,
blutige Anti-Hazara Hetzjagden in und um Hazarajat startete. Aufgeheizt durch
Chauvinismus und bewaffnet mit Fatwas von sunnitischen Mullahs, die, die Hazara
zu Ungläubigen erklärten, töteten Rahmans Truppen viele Tausende und
versklavten viele Überlebende. Massenweise Hazaras wurden von ihren
Tieflandfarmen zu den zentralen Hochländern vertrieben. Später benutzten
Herrscher Gewalt, Gesetze und Manipulation, um die Hazaras in diese Hochländer
aus zu grenzen und sie beschränkt zu halten, sowohl physisch als auch
psychisch.
Bücher über die düstere Vergangenheit der Hazara wurden, als
eine Art Kulturerbe von Generation zu Generation weitergegeben. „Für die Hazara
war es peinlich sich zu ihrer Volkszugehörigkeit zu bekennen,“ erinnert sich
Habiba Sarobi, die Gouverneurin von Bamian. Der frühere Hazara Kommandant,
Mohammed Mohaqeq, welcher die meisten Wahlen in den Parlamentswahlen 2005
erhielt, sagt: „Wir waren wie Esel, nur dazu da Waren von einem Ort zu einem
anderen zu transportieren.“
Shafaq war in der zehnten Klasse, als die Taliban 1996 an
die Macht kamen und einer Bevölkerung, die müde war von den Konflikten zwischen
den Warlords der verschiedenen Völker, Sicherheit versprachen, darunter auch
dem Volk der Hazara. Ein Jahr zuvor haben die Taliban auf brutale Weise Abdul
Ali Mazari ermordet - einen charismatischen Anführer, welcher von vielen der
„Vater der Hazara“ genannt wird. Dieser hat dabei geholfen, die „Partei der
Einigkeit“, auch genannt Hezb-i-Wahdat zu gründen, mit dem Ziel interne
Streitigkeiten zwischen den Hazaras zu beenden. Nach seinem Tod zersplitterte
die Partei und Taliban Truppen breiteten sich über Hazarajat aus.
„Ich half meinem Vater auf den Feldern als meine Schwester
zu uns gerannt kam und sagte, 'Die Taliban sind überall',“ sagt Shafaq.
Dorfbewohner formten weiße Flaggen aus
den Säcken der Düngemittel. Einheimische Anführer schlossen Abkommen mit den
Taliban, um diese zu besänftigen. Shafaq versteckte seine Bücher. Es war ein
hässlicher Krieg. In der Provinz Bamian hofften Wahdat Krieger, die Taliban
davon abhalten zu können, die restlichen, noch uneroberten Gebiete in ihre
Gewalt zu nehmen. Schulen wurden geschlossen. Ernten wurden nicht mehr
eingeholt. Familien flohen nach Iran oder in die Berge. Die Taliban verhängten
eine Blockade zu Hazarajat und trieben die Nahrungsknappheit in einer Region,
die ohnehin unter der Dürre litt, weiter an. Der Bazar von Bamian wurde
niedergebrannt und zahlreiche Familien suchten Unterschlupf in den Höhlen nahe
den Buddhas.
Anfang 2001, an den kältesten Tagen eines grausamen Winters
in Hazarajat, erfuhr der Bezirk Yakawlang das Grauen. Am 8. Januar verhafteten
die Taliban, junge Hazara Männer in Nayak, dem Bezirkszentrum. „Die Leute
dachten, dass diese Menschen vor Gericht gebracht werden würden,“ erinnert sich
Sayed Jawhar Amal, ein Lehrer aus dem benachbarten Dorf Kata Khona. „Aber um 8
Uhr früh wurden sie hingerichtet. Jeder
einzelne.“ Die Männer wurden in einer Reihe aufgestellt und vor den Augen der
Öffentlichkeit erschossen. Wenn die Stammesältesten aus Kata Khona nach jungen
Männern aus ihrer Gemeinschaft fragten, wurden diese auch getötet. Insgesamt,
so Human Rights Watch, wurden mehr als 170 Menschen in vier Tagen
hingerichtet. „Weil wir Shia waren. Das war der einzige Grund,“ sagt Mohsin
Moisafid, 55, aus Kata Khona, der an jenem Tag zwei Brüder verlor.
Einheimischen Stammesführern wurde erlaubt die Toten zu
beerdigen. Die eingefrorenen Leichen mussten mit kochendem Wasser aufgetaut
werden. Zwei Wochen später begannen die Kämpfe erneut. Laut Human Rights
Watch, haben Taliban Truppen mehr als 4000 Häuser, Läden und öffentliche
Gebäude niedergebrannt. Sie zerstörten ganze Städte im Westen von Bamian.
Dorfbewohner flohen in die Berge und als sie hinunter schauten, sahen sie ihre
Häuser brennen.
Viele fanden Unterschlupf in Waras, wo auch Shafaqs Familie
- Mutter, Vater und seine sieben Geschwister - damals mühsam nach Essbarem
suchten. Shafaq hörte auf zu studieren und begann zu lehren - Die Schulen in
Hazarajat sind heutzutage voll von Lehrern, die nicht einmal die Grundschule zu
Ende besucht haben. Aber seine Träume verblassten. „Ich machte mir keine großen
Hoffnungen, weil ich dachte, dass die Taliban für weitere 10 oder 20 Jahre
bleiben würden,“ sagt er. Die Angriffe der Taliban waren auf ihrem Höhepunkt
als Flugzeuge in das World Trade Center und in das Pentagon stürzten. Es war
ein deus ex machina, sagt Michael Semple, der das Yakawlang Massaker
2001, auf große eigene Gefahr dokumentiert hatte. Nachdem U.S. Truppen die
Taliban entmachtet hatten, stiegen die Erwartungen. Besonders die Hazaras
hofften auf eine bevorstehende Erlösung. „Ich arbeitete hier zu Zeiten, als
Hazaras das Gefühl hatten sie würden praktisch in einem System der Apartheid
leben,“ sagt Semple.“Mittlerweile hat sich Vieles gebessert.“
Aber es fällt Hazaras, wie Shafaq schwer diesem Moment zu
trauen. „Ich würde gern einen Ort sehen, wo die Träume von jungen Menschen
erreichbar sind,“ sagt er, „wo es eine Kirche und einen Hindu Tempel gibt, wo
auch andere Religionen existieren können. Das ist das Ziel des Pluralismus.“ Er
träumt von der Lehramtsstelle an der Kabul University und davon eines Tages zu
heiraten. Sie ist die Tochter von Familienfreunden, eine Sayid Schiitin, die
eine Abstammungslinie bis hin zurück zum Propheten Mohammed hat. Sayid Familien
verheiraten ihre Töchter traditionell nicht mit Hazara Männern. Aber in dieser
neue Ära ist dies vielleicht möglich.
Von oben betrachtet ist Hazarajat eine Diashow aus
atemberaubenden Landschaften: die lila gefärbten Felsschluchten rund um Bamian,
die tiefblauen Gewässer des
Band-e-Amir Sees, Wolken durchbohrende Bergspitzen von
Gebirgspässen, nähe Waras. Am Boden ist es eine andere Geschichte. Für die, die
hier leben, ist es ein hartes Land mit einer harten Geschichte, in dem sie ihr
Leben führen.
Ein Hazarajat Winter, wenn er erstmal begonnen hat, bleibt
er sechs Monate lang. Der Schnee macht Straßen unpassierbar, sogar mit
Vierradantrieb und Gleitschutzketten, und versperrt die hohen Gebirgspässe,
welche die Bezirke voneinander trennen. Trotz Versprechungen der Regierung und
von internationalen Spendern, Jahre zuvor, die Straßen von Kabul nach Bamian
und von Bamian nach Yakawlang zu befestigen, sind die meisten immer noch
bessere Maultierpfade. Im Winter sterben viel mehr Mütter aufgrund von
Geburten, weil sie nicht rechtzeitig Hilfe bekommen können. Auch zu günstigen
Wetterbedingungen können die Bauern ihre Ernte nicht zu den Märkten bringen.
„Wir haben versucht Melonen und Pfirsiche nach Kabul zu bringen, aber es war
alles nur noch Saft als wir dort ankamen,“ sagt Chris Eaton, Vorsitzender der
Aga Khan Stiftung in Afghanistan.
Mohammed Akbar ist ein Hazara Bauer mit grau-blauen Augen,
die zu seinem eng gewickelten Turban passen, und einem elfenhaften Gesicht
umrundet von einem weißen Bart. Er lebt in Lorcha, einem kleinen Ort im Westen
von Yakawlang. An einer Klippe über einer schmalen Strömung, haften Lehmhäuser
in eng gepackten Gruppen aneinander. Diese Häuser befinden sich zwischen denen,
die, die Taliban 2001 niederbrannten. Jeder Mann in Lorcha kann auf den Berg
zeigen, zu dem seine Familie geflohen war und von anstrengenden Reisen durch
dicke Schneeschichten erzählen, bei denen sie alles mitschleppten, was sie
tragen konnten. Heute wurden die meisten beschädigten Häuser wiederaufgebaut.
Die Dorfbewohner spendeten außerdem Geld für eine neue Moschee. Das Geld ist
knapp, aber der Dorfälteste hat die Bauern überredet der Versuchung, Mohn
anzubauen, zu widerstehen. „Es ist haram,“ sagt Akbar, verboten durch
den Islam.
Als der Schnee, letzten Frühling zu schmelzen begann, litten
einige Gebiete stark unter Überschwemmungen. Aber Akbar - wirklich jeder aus
Hazarajat - hoffte, dass der Abfluss, das Ende einer zermürbenden Dürre
signalisieren würde, die den Ertrag aus den Ernten begrenzte und viele Familien
dazu zwang ihre Tiere, in den letzten Jahren zu verkaufen. An einem ruhigen und
späten Frühlingstag bewässerte Akbar ein kleines Weizenfeld etwas außerhalb des
Dorfes. Das umgebende Tal war ein Stückwerk einförmiger Felder voll von
Kartoffeln, Heu und noch unreifem Weizen.
Die nächste Straße war am anderen Ende der Strömung. Eine,
zur Straße führende Fußbrücke wurde weggespült, als die Strömung durch den
Abfluss des schmelzenden Schnees stärker wurde. Drei Baumstämme wurden quer
über das Wasser gelegt und Eltern nahmen ihre Kinder huckepack hinüber, um sie
zur Schule zu bringen.
In diesem kleinen Dorf und überall in Hazarajat ist Bildung
eine Dringlichkeit. Auch wenn die Schule in einem Zelt oder in einem Gebäude
ohne Türen und Fenster ist, auch wenn der Lehrer selbst nur wenige Jahre zur
Schule ging, Eltern wollen, dass ihre Kinder etwas lernen, viel mehr als
anderswo im Land. Hussain Ali lebt in einer Höhle in Bamian, wo seine Familie
auf dünnen Matten schläft und die Wände schwarz vom Ruß sind. Seine Kinder
könnten zusätzlichen Verdienst bringen aber er
will, dass sie zur Schule gehen. „Ich bin alt, meine Zeit ist vorbei,“
sagt er, „aber meine Kinder sollen etwas lernen.“
In den letzten Jahren wurden in Hazarajat zahlreiche Schulen
gebaut, hauptsächlich von Hilfsorganisationen und von, dem in Bamian
ansässigen, Wiederaufbauteam aus Neuseeland. Eine Gruppe Jugendlicher aus der
Bezirkshauptstadt Daykundis sagen, dass die jungen Menschen hier nicht heiraten
wollen, bevor sie die Schule beendet haben. Ein Drittel der High School Schüler
die, die Berechtigung zur Einschreibung in eine Universität erhalten, sind
Hazara, und die Zahlen steigen - auch bei den Mädchen. Hazarajat ist ein sehr
konservativer Ort, aber es ist weit entfernt vom Fundamentalismus. Die Frauen
hier „gehen zur Schule, sie haben ihre eigenen Ziele und sie haben ihre
Freiheit,“ sagt Raihana Azad, ein weibliches Mitglied des Bezirksrats in
Daykundi.
Mit der Zeit wird diese Saat vielleicht Früchte tragen von
denen die gesamte Gesellschaft kosten kann, aber vorerst müssen sich Familien
mit dringenderen Angelegenheiten beschäftigen. Oft heißt das, dorthin zu gehen,
wo es Arbeit gibt. In jedem Dorf sieht man Frauen, die lange Röcke, Kittel und
grüne, rote oder himmelblaue Kopftücher tragen. Sie schaufeln den Schnee von
ihren Dächern oder ernten Felder ganz alleine ab, weil ihre Männer als
Tagelöhner in Pakistan, Iran, Herat oder Kabul arbeiten. Es ist hart für die,
die gehen und hart für die, die bleiben.
Aber manchmal heißt „sich der Umwelt anpassen“, sich eine
neue zu suchen.
Für viele ist dieser neue Ort, Kabul, wo mittlerweile
ungefähr 40 Prozent der Einwohner, Hazara sind. In den Straßen der Wohngegenden
im Westen der Stadt, sieht man Hazara Kinder in Uniform, auf ihrem Weg zur
Schule, Hazara Gemüsehändler wie sie ihre Karren aufstellen und Hazara
Ladenbesitzer und Schneider wie sie ihre Läden öffnen. Hossein Yasa, der
Redakteur der Tageszeitung Daily Outlook, hat beobachtet, dass viele
Fernsehstationen und Zeitungen im Besitz von Hazara sind, und dass eine
schiitische Koranschule und eine Moschee in Bau sind. „Die Mittelklasse der
Hazaras wächst sehr schnell,“ sagt Yasa.
Allerdings, von diesen Dingen mal abgesehen, lebt eine große
Hazara Unterschicht, bestehend aus handwerklichen Arbeitern in den westlichen
Wohngegenden Kabuls - Dascht-i-Barchi, Kart-e-She und Chindawul - die weder
Zugang zu Strom noch zu sauberem Wasser haben. „Wir reden hier von Ghettos,“
sagt Niamatullah Ibrahimi, der mit der London School of Economics zusammenarbeitet.
Jeden Tag sind die Hazara Karrenzieher auf der Hauptstraße
von Dascht-i-Barchi und hoffen, dass sie Arbeit finden. Von Sonnenaufgang bis
Sonnenuntergang, im Winter, Frühling,
Sommer oder im Herbst, hoffen sie, dass sie jemand anheuert, mit ihren Karren,
Holz, Baumaterial, Weizensäcke, Ölkanister, Glasscheiben, Fensterrahmen, oder
Geschirr - egal was - von einem Ort zu einem anderen zu transportieren.
Pahlawan, Baba und Assadullah sind drei von den vielen
Männern, die das tun, weil sie es müssen, weil sie nur das können. Sie halten
sich für unsichtbar, unbeachtet, aber in vieler Hinsicht sind sie das Gesicht
der Hazaras in Kabul, die Berufe ausübend, die kein anderer will. An einem
guten Tag verdienen sie 200 oder 250 Afghani, drei oder vier Euro. Aber sie
wissen nie, wie viele gute Tage sie haben werden. Pahlawan, „der Ringer,“ ist
der stärkste, mit seinen Mitte 30. Er arbeitet seit seinem siebten Lebensjahr.
„Jeden Tag sitzen wir hier auf unseren Karren, von morgens bis abends,“ sagt
er. Zulfiqar Azimi ist „Baba,“ 67, mit einem Glasauge und fehlenden Fingern an
einer Hand. „Ich hatte noch nie einen Moment der Bequemlichkeit in meinem
Leben,“ sagt er. Assadullah ist der jüngste, ruhig, gutaussehend in all dem
Staub. Er ist erst vor kurzem aus dem Iran zurückgekehrt. Er ist hager aber
geht steif. Als er noch Mitte 20 war, sagt er, war er ein professioneller Kampfsportler. „Jetzt,“ sagt er, „habe ich
diesen Karren.“
Der erste Job des Tages kommt von einem Mann, der 20 Säcke
Mörtel zu einer Baustelle gebracht haben will. Pahlawan ist nicht da, also
beladen Baba und Assadullah den Karren mit den 77 Pfund schweren Säcken. Beide
Männer packen den Karren und ziehen
geschätzte 1500 Pfund, während Autos und Busse hupen und Qualm spucken. Sieben
Minuten und einige Meter später, biegen sie in die Gassen, der aus Lehm
gebauten Wohnhäusern Kabuls, ab. Stark schnaufend und reichlich schwitzend,
erreichen sie die Baustelle. Sie müssen die Säcke, die letzten Meter zur Baustelle tragen. Baba wirft einen Sack über
seine Schulter und geht gebückt und mit gesenktem Kopf, und hält den Sack, aus
dem weißes Pulver auf seine Kleidung ausläuft, mit einer Hand. Nochmal zehn
Minuten und sie sind fertig. Baba und Assadullah bekommen 1.20 Dollar, die sie
sich teilen.
„Sie sehen unsere Lage, bei meinem Alter“ sagt Baba, während
er seinen Kopf wegdreht, damit ich sein gutes Auge sehe. Er holt eine Tabakdose
raus und legt eine handvoll in seinen Mund bevor er sich wieder aufmacht, um
nach einem neuen Auftrag zu suchen.
Manche Beobachter glauben, dass die Diskriminierungen, mit
denen die Hazaras in Kabul konfrontiert werden, ein Gefühl der Einigkeit und
ein Verlangen nach Demokratie fördern. „Ich denke, dass es in Kabul einen
größeren Hazara Nationalismus gibt als im ländlichen Hazarajat, weil die
Menschen die Ungleichheit zwischen den Hazara und den Nicht-Hazara dort
tagtäglich erfahren müssen,“ sagt Ibrahimi. Die Vorsitzende der afghanischen
Menschenrechtskommission, Sima Samar, ist einer Meinung: „Die Hazaras sind
anpassungsfähiger an die Demokratie, weil sie das Leid, mehr als jeder andere
spüren. Sie spüren die Diskriminierung. Sie wollen endlich Gleichheit und
soziale Gerechtigkeit.
Würden die Buddha Statuen letzten Mai noch stehen, würden
sie auf einen jungen Mann hinunter starren, der Bamians Hauptstraße passiert,
eine holprige, unbefestigte Straße mit Läden auf beiden Seiten, die Speiseöl,
Medizin und Baumaterialien anbieten. Eine große Plakattafel, mit einem Bild von
Mazari, dem Märtyrer und Hazara Anführer, steht am Hang.
Musa Shafaq ist zurück in der Hazara Hochburg. Er hat den
Job an der Kabul University, den er so sehr wollte, nicht
bekommen. „Wenn ich in Zukunft in Afghanistan leben sollte, dann in Kabul,“
sagt er. Sein ausgezeichneter akademischer Abschluss hätte das möglich machen
müssen. „Er war einer unserer intelligentesten Studenten. Er hätte eingestellt
werden müssen,“ sagt Issa Rezai, ein Berater im Ministerium für Höhere Bildung.
Aber die Vorurteile gegenüber Hazara sind immer noch stark an der Universität.
Fundamentalistische paschtunische Professoren haben immer noch eine
Vorherrschaft, darunter einige Hardcore-Fundamentalisten, die früher Anführer
von Gruppen waren, welche Gewalttaten gegen Hazara Bürger verübt haben sollen. Sayed
Askar Mousavi, Autor des Buches The Hazaras of Afghanistan, sagt, dass
derartige Diskriminierungen belegen, wie wenig sich der Fundamentalismus
verändert hat. In Bamian, sagt er, „gab es zwei Veränderungen. Es gab dort zwei
Buddhas, und nun sind da keine mehr.“
Shafaq hatte auch andere schlechte Neuigkeiten: Er wird
nicht seine Freundin aus Waras heiraten können. „Ich liebe sie und sie liebte
mich,“ sagt Shafaq, aber „als ich meine Mutter bat, sie zu besuchen und beim
Vater um die Hand seiner Tochter anzuhalten, lehnte er ab. Weil ich ein Hazara
bin.“
Deswegen ist Shafaq nun allein, zurück in Hazarajat und
lehrt an der Bamian University, wo alle anderen Dozenten auch Hazara
sind. Wie ihre Studenten, sind sie ernst, motiviert, intelligent - und ein bisschen
ängstlich. Seit der Wiedereröffnung 2004, ist die Universität gewachsen. Hinter
dem Eingang ist ein staubiger Innenhof, wo Gruppen aus elegant gekleideten
Studenten und Studentinnen, mit Büchern unterm Arm, auf dem Weg zu den Hörsälen
sind. Das Schild vor der Universität ist in drei Sprachen geschrieben worden -
auf Englisch, in Dari, der am gebräuchlichsten Sprache in Afghanistan und auf
Paschtu, der Sprache der Paschtunen.
Shafaq lehrt die Geschichte Afghanistans während der Epochen
der Aufklärung und der industriellen Revolution. Dabei verweist er auf John
Locke und Abraham Lincoln, auf Freiheit und Demokratie. Sein Gehalt beläuft
sich auf 2000 Afghanis im Monat, ungefähr 30 Euro.
Nach so vielen Hoffnungen und so vielen Versprechungen,
fühlen sich die Hazara von der Regierung übergangen - die von einem
paschtunischen Präsidenten geführt wird. Ganz Hazarajat stellt sich die Frage:
Warum gab es nicht mehr Entwicklung in und mehr Interesse an einem Gebiet dass
sicher ist, wo die Bevölkerung die Regierung unterstützt, wo es fast keine
Korruption gibt, wo Frauen eine Rolle in der Öffentlichkeit spielen, wo kein
Mohn wuchert? Es kommt nicht selten vor, dass Bauern darüber nachdenken, Mohn
anzubauen, um es auf dem Heroinmarkt zu verkaufen, vielleicht sogar ein
bisschen Unruhe zu stiften, um die Aufmerksamkeit der Regierung auf sich zu
ziehen.
Der Aufbau ist sicherlich nicht leicht in diesem Terrain,
aber Hazarajat könnte als Vorbild dienen, dafür was alles möglich ist, wenn
eine Region in den Aufbau des Landes investiert. Dennoch ist so viel Zeit
vergangen. Schon das Wiederaufleben der Taliban, die kürzlich Hazara Anführer
in einigen Bezirken, die an ihre Hochburgen angrenzen, angegriffen hatten,
rühren schwierige Erinnerungen auf. „Jedesmal wenn wir Neuigkeiten über die
Taliban im Radio hören, werden unsere Knochen zu Wasser,“ sagt Mohsin Moisafid
in Kata Khona.
Vielleicht kommt eine neue Generation von afghanischen
Anführern auf, die, die Menschen aus der Mentalität des Krieges und der
Warlords und dem Dschihad führen. Vieles hängt davon ab, ob es den Taliban
gelingt zu erstarken, ob die internationale Gemeinschaft das Interesse
verliert, ob die Spannungen zwischen den U.S.A. und dem schiitischen Iran, die
Lage der Hazaras nachteilig beeinflussen wird. Was auch immer passiert,
deutlich mehr als das Schicksal der Hazara steht auf dem Spiel. Oder wie Dan
Terry, ein amerikanischer Aufbauhelfer, der 30 Jahre lang in Afghanistan gelebt
hat, es formulieren würde: Was den Hazara widerfährt, ist „nicht nur die Geschichte
dieser Menschen. Es ist die Geschichte des ganzen Landes. Es ist die Geschichte
von uns allen.“
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